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Interview mit einem Apotheker-Ehepaar aus dem Wallis

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ARTIKEL FÜR FACHKRÄFTE

Bereich: Management

Zu Beginn des neuen Jahres stellen wir Ihnen nicht einen, sondern ein dynamisches und engagiertes Apotheker-Ehepaar vor. Anne (AVR) und Jean-Boris von Roten (JBVR). Sie sind in Fully die Eigentümer und Verantwortlichen von zwei Apotheken und eines Labors.

1. Können Sie uns Ihren beruflichen Werdegang (Studien, bekleidete Stellen) kurz beschreiben?

Wir waren beide im Jahr 2000 in Genf fertig. Ich habe meine gesamten Studien in Genf verfolgt, während Anne in Freiburg begann und anschliessend in Bern weitermachen wollte. Letztendlich hat sie aufgrund der Zusammenlegung der Schulen für Pharmazie ihr drittes Jahr in Lausanne absolviert und das Studium in Genf abgeschlossen.

AVR: Ich habe mein Praktikum in Romont in der «Pharmacie de la Tête Noire» absolviert. Dieses Praktikum war sehr aufschlussreich. Anschliessend habe ich mehrere Vertretungsstellen übernommen. Zunächst in Genf und später im Wallis, bei denen ich viele Erfahrungen sammeln und unterschiedliche Arbeitsweisen observieren konnte.

JBR: Wir waren der letzte Jahrgang, der sein Praktikum noch im dritten Jahr ablegen und anschliessend Vertretungsstellen übernehmen konnte. Mein Praktikum habe ich in Bernex durchgeführt. Ich wollte immer eine Doktorarbeit schreiben, aber ich wurde von meinem familiären Erbe als Apotheker eingeholt, das mich wieder in die Apotheke zurücklockte. Ich habe in der Apotheke von Miremont bei einem befreundeten Apotheker, mit dem wir gemeinsam studiert hatten, bis 2003 angefangen zu arbeiten. Anschliessend sind wir wieder ins Wallis zurückgekehrt, wo ich eine Apotheke leitete und im Jahr 2010 haben wir dann die Familienapotheke übernommen. Ich habe mit meiner Doktorarbeit nicht begonnen, spüre aber tief in mir das Bedürfnis, mich nicht ausschliesslich auf den Beruf des Apothekers zu beschränken. Ich bin zwar nicht der Meinung, dass der Beruf des Apothekers kein reichhaltiges Aufgabengebiet bietet, verspüre aber ein tiefgehendes Bedürfnis, mich auch anderweitig zu engagieren. Aus diesem Grund bin ich beispielsweise auch Pharmavalais beigetreten.

2. Können Sie uns etwas über die Geschichte Ihrer Apotheke(3) erzählen?

JBR: Mein Grossvater hat die Familienapotheke im Jahr 1946 gegründet. Auf gewisse Weise hat er das Fehlen von Ärzten in der Region durch das Angebot von Leistungen ausgeglichen, die heutzutage für den Berufsstand anerkannt sind. Beispielsweise nimmt die Familie von Roten seit 1946 Impfungen vor. 1981 hat dann mein Vater die Apotheke übernommen. Ihm lag die pharmazeutische Versorgung der Patienten am Herzen. Ausserdem hat er die Weiterentwicklung des Labors gefördert und eine beträchtliche Anzahl magistraler Rezepturen geschaffen.

Im Jahr 2011 haben Anne und ich die Leitung der Apotheke übernommen und im Migros-Einkaufszentrum in Fully einen zweiten Standort eröffnet. 2016 sind wir dann mit der Dorfapotheke umgezogen.

3. Was gefällt Ihnen am Beruf des Apothekers?

Die Vielfalt der Situationen und wir sind der Meinung, dass unser Beruf aktuell für uns «wieder» interessant geworden ist. Wir hoffen, dass wir die «Abkehr des Apothekers als Lieferant und Verkäufer von Medikamenten hin zu einem Apotheker als Leistungsanbieter mit einer grösseren Rolle im Gesundheitswesen» erleben werden. Mit der neuen Gesetzgebung und den neuen Richtlinien hoffen wir, dass wir die neuen Herausforderungen erleben können. Ausserdem finden wir es interessant, uns auf unterschiedliche Situationen und Kunden einzustellen. Um das tun zu können, versuchen wir auf aktuellen Kenntnissen beruhende, «fachmännische» Antworten zu geben. Dazu konnten wir feststellen, dass unser Dachverband damit begonnen hat, qualitativ hochwertige dauerhafte Weiterbildungsangebote einzurichten. Apotheker sind in der Lage, eine Vielzahl von Leistungen zu erbringen.

JBR: Ich habe beispielsweise das Projekt netCare von pharmaSuisse sehr befürwortet (Diagnosen mit Hilfe Algorithmen inklusive Abgabe von rezeptpflichtigen Medikamenten). Diese Vorgehensweise ermöglicht es, uns um eine Vielzahl von Situationen in der Apotheke auf angemessene und fundierte Weise zu kümmern. Es ist klar, dass damit viel Verantwortung und eine Änderung des Verhaltens beim Apotheker und seinem Team in Bezug auf die Betreuung und Behandlung des Kunden einhergeht. Mit unserer Lage in einem Dorf liegen uns die Vorbeuge, die Begleitung von medikamentösen Therapien und die Beantwortung von Gesundheitsfragen der Bevölkerung am Herzen.

JBR: Das deckt ausserdem den Bedarf in unserer Region, in der ein gewisser Ärztemangel herrscht. Mir scheint es äusserst wichtig zu sein, dass der Apotheker als fachkundige Schnittstelle für die grundlegenden Gesundheitsbedürfnisse fungiert. Unter anderem ist der einfache Zugang eine seiner grössten Stärken.

4. Gemäss den Statistiken schliesst jede 3. Apotheke aus Rentabilitätsgründen. Sie sind jedoch gerade mit Ihrer zweiten Apotheke umgezogen. Was ist das Geheimnis Ihres Erfolgs?

Es ist in der Tat so, dass die wirtschaftliche Situation von Apotheken schwierig ist. Wir sind der Meinung, dass es sich nicht um Erfolg, sondern vielmehr um eine Möglichkeit handelt, die sich uns bot und die wir gepackt haben. Wir wollten ausserdem grundsätzlich den Standort im Dorf nicht aufgeben (und damit Teil der Statistik werden). Andererseits profitieren wir vom Dorfwachstum. Wir zählen 9000 Einwohner und die neuen Aufgaben spornen mich an, denn ich möchte weiter eine unabhängige und freiberufliche Tätigkeit unterstützen.

JBR: Ich glaube, dass meine Überzeugungen und mein Einsatz es mir erlaubt haben, das Labor im Migros-Einkaufszentrum zu eröffnen und vor Kurzem mit der Dorfapotheke umzuziehen.

5. Sie sind der Vizepräsident von Pharmavalais. Warum sollte heute Pharmazie studiert werden? Was würden Sie einem jungen Studierenden sagen, der Interesse an der Pharmazie hat?

JBVR: Ich würde ihm sagen: Wenn du ein Unternehmer bist, dann studiere nicht Pharmazie. Wenn dich aber sozialmedizinische Aspekte interessieren, wird dir die heutige Pharmazie Spass machen.

JBR: Man darf Apotheker nicht mehr als Medikamentenfachleute ansehen, sondern man muss alles aus dem Blickwinkel der jeweiligen Situation betrachten. Man muss vom Patienten ausgehen und sich zum Medikament vorarbeiten. Sobald man «klinisch» denkt, empfiehlt man das beste Medikament. Listen mit Reihenfolgen A, B, C für Medikamente sind nicht mehr aktuell. Beispielsweise wäre es bei einem Patienten mit einer Herzschwäche angebrachter ihm Dafalgan® 1g (Liste B) als Algifor® 400mg (Liste D) zu geben. Der Apotheker berät in Sachen Medikamente und sorgt dafür, dass das richtige und zu einer Person passende Medikament gegeben wird.

6. Was halten Sie von den neuen Leistungen der Apotheker? Welche weiteren können Sie sich vorstellen?

Es gibt eine konventionelle Leistung, über die nur sehr wenig gesprochen wird. Die Behandlungsverlängerung. Dabei handelt es sich um mehr als nur um eine logistische Handlung, es ist vielmehr eine pharmazeutische Leistung. Wir stehen einem Patienten gegenüber und der Apotheker muss einschätzen, ob die Behandlung wirksam ist oder ob er ihn aus medizinischer Sicht (und nicht nur, um den Behandlungsvorschuss von der medizinischen Sekretärin abzeichnen zu lassen) an einen Arzt verweisen muss!

Wir könnten uns vorstellen, dass die Leistung aber noch weitergeht: Ein typisches Beispiel sind Patienten mit Bluthochdruck. Es gibt Studien, die belegen, dass in einem Netzwerk mit einem Apotheker der Patient den arteriellen Druck um 8mmHg mehr verringern konnte und in bestimmten Ländern ist es der Apotheker, der die Behandlung mit blutdrucksenkenden Mitteln anpasst. So wird die Rezepterneuerung durch Gespräche und Massnahmen aufgewertet. Es gibt noch weitere chronische Krankheiten, wie Diabetes und Herzkreislaufkrankheiten, bei denen der Apotheker tätig werden könnte. Und in diesem Sinne würde auch die Leistung der Rezeptverlängerung abgegolten werden.

Solange Studien vorhanden sind, die die Fundiertheit einer Massnahme belegen, sollten diese zu Leistungen gemacht werden. In diesen Fällen kommt nämlich eine pharmazeutische Meinung zum Tragen und wir können deshalb in diesem Zusammenhang Anspruch auf Bezahlung erheben.

7. Wie kann sich ein Apotheker noch von der Konkurrenz abheben? Sind Mediservice, Zur Rose und SD-Ärzte  eine Bedrohung?

Das ist aktuell ein grosses Problem. Wenn man eine Apotheke lediglich als Einzelhandelsgeschäft ansieht, dann sieht man, dass man gut positioniert sein muss, beispielsweise in einem Bahnhof oder einem Einkaufszentrum oder zu einer Gruppe mit einer starken Logistik und einem grossen Einkaufsvolumen gehören muss. Wenn das nicht der Fall ist, muss man sich, genau wie andere Geschäfte, durch das Angebot anderer Leistungen von der Konkurrenz abheben. Aktuell können wir in unserem sozialmedizinischen und wirtschaftlichen Modell es nicht verantworten, Investitionen in ein derart spezialisiertes Studium zu tätigen, um lediglich Logistiker zu sein. Heutzutage mit dem Internet machen die Post, ein Barcode und QR-Codes weniger Fehler, als einem Menschen unterlaufen. Es ist also wesentlich, ein Dienstleister zu sein, bei dem der Mehrwert des Apothekers im klinischen Aspekt und dem Dialog mit den Patienten entsteht: Das kann man allerdings nur schwer bewerten. Apotheker müssen zu Klinikern, Dienstleistern und Behandlungsanbietern werden. Der Apotheker muss unter Verwendung unterschiedlicher Werkzeuge Lösungen anbieten: NetCare, Polymedikationscheck (PMC) usw. Er muss die ihm zur Verfügung stehenden Netzwerke wahrnehmen und seine Rolle als Medikamentenverteiler verlassen. Als reine Logistiker erfüllen wir nämlich im Gesundheitswesen keine Aufgabe.

8. In welchen Bereichen kann der Apotheker der Gesellschaft nützlich sein, anders ausgedrückt: Worin besteht der Mehrwert eines Apothekers im Jahr 2017?

In einigen Regionen in der Schweiz gibt es einen Ärztemangel. In Fully beispielsweise gibt es 3.5 Ärzte für 9000 Einwohner. Der Mehrwert eines Apothekers liegt in seiner Fähigkeit den Patienten unter Berücksichtigung der Umwelt, seiner Familie usw. einzuschätzen. Das kann ein Computer einfach nicht. Mit wem habe ich es zu tun? Mit welcher Ethnizität, welchem religiösen Hintergrund etc. Wir bringen unser Wissen mit der Neugierde über den Patienten in Einklang. Darin besteht unser klinischer Mehrwert.

Wir müssen damit aufhören, nur in Bezug auf Medikamente zu denken. Der Ausgangspunkt muss immer der Patient sein und zum passenden Medikament führen. Das ist ein ganz natürlicher Vorgang.

9. Wie kann das Verhältnis und die Zusammenarbeit zwischen Apothekern, Ärzten und anderen Akteuren des Gesundheitssystems verbessert werden?

In einem wirtschaftsorientierten und äusserst konkurrierenden System ist es sehr schwierig, dass Apotheker untereinander so geeint sind, wie das Ärzte sein können, wenn es um die Verteidigung bestimmter Interessen geht. In Zukunft aber, mit einer klinischeren Vision, könnte es bei den Apothekern zu einem besseren Zusammenhalt kommen.

In Bezug auf das Verhältnis zwischen Apothekern und Ärzten ist es wichtig, über das Umfeld der Apotheken hinaus zu blicken. Nichtsdestotrotz gibt es einen wesentlichen Faktor: Den Arzt. Dieser muss seine Denkweise ändern und Apotheker nicht entweder als Konkurrent oder als Parfümverkäufer ansehen. Das hängt letztendlich aber nur in geringem Umfang von uns ab.

10. Zum Abschluss des Interviews: bevorzugen Sie Tee oder Kaffee?

JBR: Anne bevorzugt Tee, ich Kaffee

1. Pharmacie de la Tête Noire, Romont www.tetenoire.ch
2. Pharmacie de Miremont in Champel www.pharmaciedemiremont.ch/fr
3. www.pharmacie-vonroten.ch







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