Interview: "Die Chikungunya-Fälle im Tessin sind ein Weckruf für die Schweiz"

Tigermücke


BELLINZONA - Im Tessin ist das Chikungunya-Virus erstmals lokal in der Schweiz übertragen worden. Die betroffenen Personen hatten kürzlich keine Reisen in Gebiete unternommen, in denen das Virus zirkuliert. Das Tessiner Departement für Gesundheit und Soziales stuft das Risiko für die Bevölkerung als gering ein.

Die Fälle seien auf das Gebiet der Magadino-Ebene zurückzuführen. Die vier betroffenen Personen verzeichneten einen "günstigen klinischen Verlauf"; abgesehen von anhaltenden Gelenkbeschwerden gehe es ihnen gut, hiess es in der Mitteilung des Tessiner Departements für Gesundheit und Soziales.

Das Amt des Tessiner Kantonsarzts hat in Zusammenarbeit mit der Tessiner Fachhochschule SUPSI, den Gemeindebehörden und den zuständigen Bundesämtern epidemiologische Abklärungen sowie Massnahmen zur Mückenbekämpfung in den betroffenen Zonen eingeleitet.

Das aktuelle Risiko für die Bevölkerung werde als sehr gering eingestuft, auch aufgrund der geringen Fallzahl und des unmittelbar bevorstehenden Endes der Mückensaison, heisst es weiter.

Keine Übertragung von Mensch zu Mensch

Das Chikungunya-Fieber ist eine Viruserkrankung, die durch den Stich infizierter Mücken der Gattung Aedes übertragen wird, insbesondere durch Aedes albopictus, gemeinhin als Asiatische Tigermücke bekannt. Die Mücke kann das Virus aufnehmen, wenn sie eine Person sticht, die den Erreger im Blut trägt, und es nach einigen Tagen durch weitere Stiche auf andere Personen übertragen. Es handelt sich somit nicht um eine direkte Übertragung von Mensch zu Mensch.

Der Nachweis autochthoner Fälle komme nicht unerwartet, hielt das Tessiner Departement für Gesundheit und Soziales weiter fest. Die Tigermücke ist im Tessin inzwischen fest etabliert. Wenn eine infizierte Person das Virus während der Aktivitätsphase der Mücken einschleppe, könne es zu einer lokalen Übertragung kommen.

Das Auftreten dieser Fälle bestätige daher, wie wichtig eine "aufmerksame epidemiologische und entomologische Überwachung" sowie ein rechtzeitiges Eingreifen bei Bedarf seien. Ähnliche Vorkommnisse wurden in den letzten Jahren bereits in verschiedenen europäischen Ländern beobachtet, insbesondere in Italien und Frankreich.

BAG sieht kein grosses Risiko

Trotz dieses Falls schätzt auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) das Risiko einer Chikungunya-Übertragung für die allgemeine Bevölkerung als sehr gering ein. "Aus einzelnen lokalen Übertragungen lässt sich keine landesweite Ausbreitung ableiten", schreibt das BAG auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Vereinzelt könnten während der Mückensaison jedoch weitere Fälle auftreten.

Um diese Gefahr zu reduzieren, sollten sich Reisende aus von Chikungunya betroffenen Gebieten auch nach ihrer Rückkehr vor Mückenstichen schützen, so das BAG. Ebenso wichtig sei die Bekämpfung der Asiatischen Tigermücke, insbesondere durch die Beseitigung kleiner Wasseransammlungen, die als Brutstätten dienen.

Meist milder Verlauf

In den meisten Fällen verläuft Chikungunya mild. Die typischsten Symptome sind Fieber und teils starke Gelenkschmerzen, vor allem an Händen, Handgelenken, Knöcheln und Füssen; zudem können Muskelschmerzen, Kopfschmerzen und Hautausschläge auftreten. Schwere Verläufe sind selten, auch wenn die Gelenkschmerzen bei manchen Personen über Wochen oder Monate anhalten können.

Trotz des fortgeschrittenen Herbstes und der stetig abnehmenden Mückenaktivität seien lokale Bekämpfungsmassnahmen durchgeführt worden, um die Zahl der noch vorhandenen Tigermücken weiter zu reduzieren, hielten die Verantwortlichen fest. Vor diesem Hintergrund seien für die Bevölkerung derzeit keine besonderen Massnahmen erforderlich, abgesehen von den üblichen Empfehlungen zum Schutz vor Mückenstichen.

Der Kanton Tessin verfügt seit Jahren über ein System zur Überwachung und Bekämpfung der Tigermücke. Dieses wurde in Zusammenarbeit mit der SUPSI und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) entwickelt. Das Amt des Tessiner Kantonsarztes werde die Entwicklung der epidemiologischen Lage in Abstimmung mit den kantonalen Partnern und dem Bund weiterhin aufmerksam verfolgen.

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 Im Moment sei die vom Chikungunya-Virus ausgehende Gefahr für die Bevölkerung gering, sagt der Tessiner Kantonsarzt Giorgio Merlani im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. In Zukunft müsse sich die Schweiz aber wappnen, auch Fälle von Dengue-Fieber könnten auftreten.

Keystone-SDA: Giorgio Merlani, wann wurden die vier vom Chikungunya-Fieber Betroffenen positiv getestet?
Giorgio Merlani: "Mitte Oktober konnte das Chikungunya-Virus im Blut der Erkrankten nachgewiesen werden. Eine der vier Personen hatte bereits im August Symptome, die auf das Virus passen, liess sich jedoch nicht testen. Als im Oktober der Arzt zwei andere positive Fälle von Chikungunya-Virus vor sich hatte, erinnerte er sich an diesen Fall und testete auch diese Person."

Wie kommt das? Haben alle denselben Arzt?
Merlani: "Zwei der vier Erkrankten sind miteinander verwandt. Die anderen beiden wohnen in der Nähe."

Wie geht es den vier Erkrankten inzwischen? Mussten sie hospitalisiert werden?
Merlani: "Es geht zum Glück allen vier recht gut. Ins Spital mussten sie nur für Abklärungen. Zwei von ihnen hatten vor allem den typischen Hautausschlag, die anderen beiden litten vor allem an Gliederschmerzen."

Rechnen Sie damit, dass in den kommenden Wochen weitere lokal übertragene Fälle auftreten?
Merlani: "Nein, damit rechne ich im Moment nicht. Aber man soll nie "nie" sagen. Es sind derzeit nur noch wenige Mücken unterwegs. Ausserdem haben wir im Wohngebiet der Betroffenen in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule der italienischen Schweiz SUPSI eine Substanz in die Umgebung gesprüht, welche erwachsene Tigermücken tötet. Zudem wurde bisher im Tessin keine einzige Tigermücke positiv auf das Chikungunya-Virus getestet."

Ist es möglich, mit einer lokal versprühten Substanz die betreffenden Mücken zu erwischen?
Merlani: "Ja, das ist sehr effizient, denn eine Tigermücke fliegt maximal rund 100 Meter weit in ihrem ganzen Leben. Mit dieser Massnahme und dem anbrechenden Winter ist im Moment das Risiko, am Chikungunya-Virus zu erkranken, gering. Aber für die Zukunft sieht es anders aus. Wir müssen uns wappnen. Die vier Fälle im Tessin sind ein Weckruf für die Schweiz."

Welche Massnahmen sind künftig aus Ihrer Sicht nötig?
Merlani: "Neben den üblichen, individuellen Präventionsmassnahmen gegen die Vermehrung der Tigermücke müssen auch die Gemeinden ihre Verantwortung wahrnehmen. Im Tessin arbeiten einige bereits mit der SUPSI zusammen und lassen sterile Tigermückenmännchen aussetzen. Daneben werden unter der Leitung der SUPSI auch die Larven der Tigermücken bekämpft. Zahlreiche, über den ganzen Kanton verteilte Eiablagefallen kartieren zudem Dichte, Aktivitätszeiträume und Ausbreitungsmuster der Mücken. Das alles hat sich als effizient erwiesen. Aber auch bei Einreisenden aus Gebieten mit vielen Chikungunya-Virus-Fällen ist Vorsicht geboten."

Was sollte da unternommen werden?
Merlani: "Werden Ferienreisende positiv auf das Chikungunya-Virus getestet, müssen sie sich so bedecken, dass keine Tigermücke sie stechen kann. Denn die Mücken geben das Virus nach rund einer Woche an andere Personen weiter."

Ist das Tessin einmal mehr eine "Eintrittspforte" für ein neues Virus?
Merlani: "Nicht unbedingt, auch in der Deutsch- und Westschweiz sind Tigermücken vorhanden. Die vier Fälle im Tessin stellen einen sehr begrenzten Infektionsherd dar. Aber das Virus wird zurückkommen und wir werden grössere Infektionsherde haben. Wichtig ist, dass wir in gesamtschweizerisch darauf vorbereitet sind."

Die Tessiner Gesundheitsbehörden haben gemeinsam mit der SUPSI und dem Bundesamt für Gesundheit BAG ein Überwachungsprogramm für das West-Nil-Virus lanciert. Ziel ist es, das Risiko neuer Fälle des West-Nil-Virus zu verringern, das Institut für Mikrobiologie der SUPSI fungiert als nationales Kompetenzzentrum. Sollte der Bund noch mehr unternehmen?
Merlani: "Der Bund sollte, wenn möglich, Präventionsmassnahmen gegen die Tigermücke unterstützen. Künftig könnten auch Fälle von Dengue-Fieber auftreten. Diese Krankheit würde mir mehr Sorgen machen als das Chikungunya-Fieber. Die Erstinfektion verläuft beim Dengue-Fieber meist mild, aber die Zweitinfektion kann durchaus gefährlich sein."

Quelle: Interview: Eva Pfirter, Keystone-SDA - 04.11.2026, Copyrights Bilder: Adobe Stock/© 2026 Pixabay

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