"Stiller Killer" - Was Hitze für Menschen gefährlich macht
Gesundheitsrisiko Hitze
BERLIN - Der Sommer nimmt Fahrt auf. Doch die kommenden heissen Tage bringen auch Gefahren mit sich - besonders für bestimmte Gruppen.
Was ist das Problem?
"Insgesamt gehört Hitze heute neben den Luftschadstoffen bereits zu den wichtigsten umweltbedingten Gesundheitsrisiken weltweit", betont die Epidemiologin Alexandra Schneider vom Helmholtz Zentrum München. Die Gefässe erweiterten sich, was den Blutdruck senke und dafür sorge, dass das Herz schneller und stärker pumpen müsse. Dadurch steige bei Vorerkrankten das Risiko für Herzinfarkt, Rhythmusstörungen und Herzinsuffizienz. Durch Schwitzen drohe auch Dehydration - also Flüssigkeitsmangel -, was wiederum einen Kreislaufkollaps oder Thrombosen begünstigen könne.
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Wer muss besonders aufpassen?
Besonders gefährdet seien neben Herzpatienten auch Menschen mit Nieren- oder Lungenerkrankungen, Diabetes sowie neurologischen Erkrankungen wie Demenz, betont Schneider. Und: "Ältere Menschen sind insgesamt am anfälligsten, da ihre Anpassungsfähigkeit an Hitze und ihr Durstempfinden oft eingeschränkt sind."
Der Geriatrie-Forscher Kilian Rapp vom Robert Bosch Krankenhaus Stuttgart fügt hinzu: Das Aufsuchen kühlerer Räumlichkeiten oder mehr zu trinken seien bei extremer Hitze naheliegende Reaktionen. "Personen, die ans Bett gebunden oder dement sind, sind zu so elementaren Massnahmen nicht mehr in der Lage."
Neben Alter und Gesundheitszustand spielt auch eine Rolle, wie Menschen wohnen: "Wenn Personen in höheren Wohnetagen oder allein leben, erhöht sich das Risiko", erklärt Rapp. Ebenso ist Hitze für Schwangere eine enorme Belastung, etwa weil sich die Durchblutung der Gebärmutter verändert und dies den Schwangerschaftsverlauf beeinflussen kann, wie Petra Arck vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf erklärt.
Nicht zuletzt gehören auch Kinder zu den Risikogruppen - "weil sich ihr Körper noch entwickelt, sie mehr Zeit im Freien verbringen und sie im Verhältnis mehr körperlich aktiv sind und eine höhere Atemfrequenz haben als Erwachsene", erklärt Marie Standl vom Helmholtz Zentrum München.
Wie tödlich ist Hitze?
Hitze wird oft als "stiller Killer" bezeichnet - auch, weil sie selten direkt als Todesursache in die Statistiken eingeht. Stattdessen modellieren Institutionen wie das Robert Koch-Institut (RKI) oder das Umweltbundesamt die sogenannte Übersterblichkeit: Das heisst, sie erfassen, wie viele Menschen im konkreten Zeitraum einer Hitzeperiode gestorben sind und inwieweit dies die Todeszahlen in einem ähnlichen Zeitraum ohne Hitze übersteigt. So schätzt das RKI, dass im vergangenen Jahr rund 2'500 Menschen hitzebedingt gestorben sind. In heisseren Sommern als 2025 lag diese Zahl schon um ein Vielfaches höher.
Rapp betont, dass ältere und gebrechliche Menschen hier den grössten Anteil ausmachen: "Die beobachtete Übersterblichkeit in der Bevölkerung bei Hitzewellen ist fast ausschliesslich auf diese Personengruppe zurückzuführen."
Wie sterben Betroffene?
Veronika Huber vom Institut des Spanischen Nationalen Forschungsrats in Sevilla weist darauf hin, dass nur ein kleiner Teil dieser Toten auf nachgewiesene Hitzschläge zurückgeführt wird. Die häufigsten, in Statistiken festgehaltenen hitzebedingten Todesursachen seien Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen.
Doch die Todesfälle sind nur die Spitze des Eisbergs: Etliche Leiden verschlechtern sich bei Hitze oder ihr Risiko steigt. Dazu gehört etwa ein höheres Risiko für Schlaganfälle und Migräne sowie eine Verschlechterung der Symptome bei Multipler Sklerose, Epilepsie und Demenz, wie die Neurologin Ameli Breuer von der Berliner Charité erklärt.
Und was ist mit allen anderen?
Ganz spurlos gehen die Auswirkungen an den wenigsten Menschen vorbei. Sebastian Karl vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit Mannheim betont: "Wahrscheinlich hat jeder schon mal am eigenen Leib erlebt, wie sich Hitze auf die psychische Gesundheit auswirken kann: Wir können uns schlechter konzentrieren, schlafen schlechter oder werden reizbarer oder sogar aggressiv." Man könne Hitze als zusätzlichen Stressfaktor begreifen, mit dem unser Gehirn umgehen müsse. Auch steige das Risiko für psychische Erkrankungen.
Als besonders belastend gelten tropische Nächte - also Nächte, bei denen die Temperatur nicht unter 20 Grad fällt. Auch dies kann die psychische Verfassung oder auch die Leistungsfähigkeit am folgenden Tag beeinträchtigen.
Hans Knoblauch von der Psychiatrie am Universitätsklinikum Ulm ergänzt: "Bei Hitze reagieren Menschen potenziell schneller gereizt, was sich unter anderem in einer Zunahme von häuslicher Gewalt, Fouls beim Sport und aggressiverem Fahrverhalten im Verkehr niederschlagen kann." Das könnte auch bei der laufenden WM eine Rolle spielen: Die erwartete Hitzebelastung an den Spielorten des Turniers gilt Forschern zufolge als aussergewöhnlich hoch.
Wie kann man sich schützen?
. Viel trinken - und zwar deutlich mehr als sonst, da sind sich Experten einig. "Bei hohen Umgebungstemperaturen kann der Körper selbst in Ruhe pro Stunde etwa 500 bis 700 Milliliter Flüssigkeit über Schweiss verlieren - oft unbemerkt. Daher sollten etwa alle 20 bis 30 Minuten circa 200 Milliliter getrunken werden", erklärt Hanns-Christian Gunga von der Charité. Als Check helfe es, sich zu wiegen. "Ein Gewichtsverlust von zwei bis drei Kilogramm an einem heissen Tag spricht für deutlichen Flüssigkeitsmangel."
. Die Wohnung möglichst kühl halten, etwa durch Verdunklung durch Rollläden oder Markisen aussen. "Nächtliches Lüften kühlt die Wohnung und bringt Frischluft", rät Experte Rapp. "Wenn möglich, sollten kühlere Räumlichkeiten zumindest vorübergehend aufgesucht werden, um dem Organismus etwas Erholung zukommen zu lassen."
Quelle: Von Larissa Schwedes, dpa (via Keystone-SDA) - 17.06.2026, Copyrights Bilder: Adobe Stock/© 2026 Pixabay
