Fussball-Weltmeisterschaft befeuert Spielsucht in der Schweiz

Mehr als doppelt so viele Risikospieler


BERN - Grossereignisse wie die laufende Fussball-Weltmeisterschaft stellen suchtanfällige Sportwettende auf eine Belastungsprobe. Besonders junge Männer sind durch die allgegenwärtige Werbung und das grosse Wettangebot gefährdet.

Während sechs Wochen ist die Weltmeisterschaft omnipräsent - und mit ihr der Wettreiz. Bei der diesjährigen Fussball-Weltmeisterschaft der Männer gab es so viele Wettmöglichkeiten wie noch nie, wie die Fachstelle Sucht Schweiz auf Anfrage feststellt. Besonders Live- und Kombiwetten hätten hohes Suchtpotenzial, da sie impulsive Entscheidungen begünstigen.

Als Grund für das erhöhte Risiko nennt die Fachorganisation aber auch die massive Werbung für Sportwetten, die sich gezielt an junge Männer richte - eine besondere Risikogruppe für problematisches Wettverhalten. Zudem würden viele fälschlicherweise glauben, Fachwissen verbessere die Gewinnchancen entscheidend.


Anstieg nach der WM

In der Schweiz lässt sich kein klarer, systematischer Zusammenhang zwischen Grossereignissen und den Anrufzahlen der nationalen Helpline ableiten, wie Sucht Schweiz auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA weiter mitteilt. Es gebe kein strukturiertes Monitoring.

Das Ausland liefere aber Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Beratungsanfragen und Grossereignissen - allerdings erst nach dem Turnier. Die britische Fachstelle Gamcare verzeichnete nach der Männer-WM vor vier Jahren einen Anstieg der Kontakte um rund elf Prozent. Betroffene und Angehörige würden also oft erst Hilfe suchen, wenn das problematische Verhalten anhalte oder zunehme.

Von diesem Zusammenhang berichtet auch die österreichische Nachrichtenagentur APA, dass das Wiener Anton Proksch Institut, eine Suchtklinik, eine massive Zunahme an Anfragen im Glücksspielbereich - vor allem bei Sportwetten verzeichnet.

Mehr als doppelt so viele Risikospieler

Die aktuellsten Zahlen zur Geldspielnutzung in der Schweiz stammen aus dem Jahr 2022. Laut der Gesundheitsbefragung des Bundesamts für Statistik weisen 5,8 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren ein risikoreiches und 0,8 Prozent ein problematisches Geldspielverhalten auf.

Laut einer Studie von Sucht Schweiz und ihrem Pendant der Westschweiz Grea hat sich der Anteil der Online-Spielenden mit problematischem Verhalten zwischen 2018 und 2021 mehr als verdoppelt.

Diese Trends verlaufen laut der Organisation weitgehend unabhängig von einzelnen Anlässen, werden durch sie aber befeuert.

Sucht Schweiz verweist auf eine Reihe an Möglichkeiten, um das Risiko auf individueller Ebene einzudämmen: So sollte vor dem Wetten etwa ein fixes Budget festgelegt werden, dessen Verlust finanziell verkraftbar ist. Gefährlich sei es auch, allfällige Verluste durch weitere Wetten zurückgewinnen zu versuchen. Zudem sollte nicht unter Alkohol, Stress oder starken Emotionen gewettet werden.

Spielsperren nehmen zu

Insgesamt haben die Spielbanken im Jahr 2025 dem Sperr-Register 16'429 Spielsperren hinzugefügt. Im Jahr zuvor waren es 18'216 gewesen.

Eine Möglichkeit, sich bei problematischem Spielverhalten zu schützen, ist eine freiwillige Spielsperre. Vergangenes Jahr liessen sich 8021 Personen bei einer Spielbank sperren, wie der Erhebung der Eidgenössischen Spielbankenkommission (ESBK) zu entnehmen ist. Das entspricht einem Anteil von 45 Prozent aller Sperren. 2024 waren 7480 freiwillige Sperren registriert worden.

Die Spielbanken sprechen Sperren ihrerseits aus, wenn der Spieler oder die Spielerin überschuldet ist oder ihren finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommt. Auch Angehörige können Sorgen über das Spielverhalten Dritter bei einer Spielbank platzieren. Diese spricht eine Sperre aus, sofern die betroffene Person die Sperrvoraussetzungen erfüllt.

5221 oder rund 30 Prozent der Sperren erfolgten aufgrund fehlender finanzieller Nachweise. Das sind weniger als im Jahr zuvor, als hier 9200 Sperren registriert worden waren.

Die Anzahl Spielsperren in der Schweiz nimmt seit 2019 mehr oder weniger kontinuierlich stark zu - seither können Spielbanken ihr Angebot auch online anbieten. Zuvor hatte die ESBK jeweils jährlich rund 3500 neue Sperren registriert.

Fachstelle fordert Regulierung

Um gefährdete Zielgruppen zu erreichen, lancierten die Kantone und Liechtenstein dieses Jahr die Kampagne "Game-Changer.ch". Diese wird über Social Media geführt und nutzt laut Sucht Schweiz bewusst den Kontext von Weltmeisterschaften im Eishockey und Fussball.

Solche Kampagnen könnten strukturelle Regulierungen aber nicht ersetzen, macht die Fachstelle geltend. Sie fordert deshalb als entscheidende Rahmenbedingung ein konsequentes Werbeverbot für Sportwetten, insbesondere dort, wo Kinder und Jugendliche erreicht werden. Ergänzend brauche es einen wirksamen Jugendschutz.

Quelle: Von Miriam Abt (Keystone-SDA) - 17.07.2026, Copyrights Bilder: Adobe Stock/© 2026 Pixabay

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