Interview Rebecca Guntern Flückiger

Die Apothekerin Frau Rebecca Guntern Flückiger wurde Ende des vergangenen Jahres neue Geschäftsführerin von Sandoz (Schweiz). Eine schnelle und sehr beeindruckende Karriere für die 36-jährige Frau.

Exklusiv-Interview von Pharmapro.ch mit Frau Guntern über ihren Werdegang und ihre Ratschläge für Apotheker und Pharmaziestudierende, die sich für eine Laufbahn in der pharmazeutischen Industrie interessieren.

Frau Guntern, Sie haben nach dem Pharmaziestudium eine Weiterbildung gemacht, können Sie uns mehr davon erzählen?
Ich habe nach dem Pharmaziestudium an der ETH an einer Privatschule in Zürich ein BBA (Bachelor Business Administration) gemacht.
Meiner Meinung nach ist es sehr wichtig eine entsprechende Weiterbildung in Angriff zu nehmen, falls man beabsichtigt, in der pharmazeutischen Industrie tätig zu sein, insbesondere im wirtschaftlichen Bereich (Verkauf und Marketing). Wichtig ist zu wissen, was man will und der Wille, gewisse Ziele erreichen zu wollen.

Man spricht auch oft vom MBA, was halten Sie davon?
MBA, BBA und ähnliche Weiterbildungen mit Fokus auf das Management werden sehr empfohlen, um die für eine Arbeit in der Industrie notwendigen Fertigkeiten zu erlangen.
Es ist auch wichtig einen guten Ausbildungsort für ein MBA auszuwählen (in Europa oder in den USA). Bei Novartis (und Sandoz als Tochtergesellschaft) haben leistungsstarke Mitarbeitende mit Führungspotenzial die Möglichkeit, ein MBA-Studium zu absolvieren, das gegebenenfalls vom Konzern finanziell unterstützt wird.

Das Pharmaziestudium oder ein MBA sind nicht Selbstzweck, oder?
Ja, Sie haben Recht. Es ist wichtig, im Leben nicht nur Ausbildungen zu absolvieren. Nach dem Studium wird man auch nach den Leistungen im Unternehmen und seinem Führungsstil beurteilt.
Das Wichtigste ist, dass man Menschen mag und authentisch ist, ebenso, dass man Ziele erreichen und ein Team motivieren kann. Es ist auch zu erwähnen, dass die emotionale Intelligenz sehr wichtig ist in einem Team. Bei Sandoz Schweiz gibt es 50 Pharma-Berater, der Innendienst nicht mitgerechnet.

Würden Sie sagen, dass die von Ihnen beschriebenen Eigenschaften hauptsächlich weiblich sind?
Nein, ich glaube nicht. Ich kenne Männer, die mit all ihren Eigenschaften sehr gute Vorgesetzte sind. Es geht viel mehr um eine Geisteshaltung.

Ein Apotheker, der soeben sein Studium abgeschlossen hat, fragt sich vielleicht, ob es besser ist in einer öffentlichen Apotheke zu arbeiten, in die Industrie zu gehen oder noch ein Doktorat in Angriff zu nehmen. Was raten Sie ihnen?
Es ist wichtig genau zu wissen, was man will. Für eine Tätigkeit in der Forschung ist ein Doktorat notwendig, für die Offizin eignen sich berufsbezogene Weiterbildungen (z.B. FPH).
Wenn eine Laufbahn im Verkauf und Marketing angestrebt wird, ist es wichtig am Anfang im Aussendienst zu arbeiten (Pharma-Berater). Ich habe in diesem Bereich eineinhalb Jahre gearbeitet.
Es ist wichtig, diese Tätigkeit zu kennen, um in der Zukunft glaubwürdig zu sein, wenn man ganze Abteilungen des Aussendienstes leitet.

Es ist sehr anspruchsvoll Geschäftsführerin zu werden und diese Funktion langfristig auszuüben, nicht wahr?
Ja, ich musste oft an Wochenenden arbeiten um da zu sein, wo ich heute bin. Es ist ein sehr hartes Business, das einen zu 100% fordert. Man muss viel arbeiten und gewisse Opfer bringen.
Es ist klar, dass dies für gewisse Personen eine schwierige Wahl sein kann, besonders wenn man Kinder hat. Aber ich finde diese Arbeit spannend und es bereitet mir Freude, sie jeden Tag auszuführen.

Geschäftsführerin von Sandoz (Schweiz) mit 36 Jahren, das ist trotzdem beeindruckend. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?
Ich erwähne drei Punkte:
- Die Wichtigkeit des Networking
- Das Glück und die guten Gelegenheiten
- Der Wille

Wird man bei Sandoz oder Novartis dazu verpflichtet, in die ganze Welt zu ziehen? Dies könnte den einen oder anderen davon abhalten…
Nein, das ist der Vorteil eines multinationalen / internationalen Unternehmens wie dieses. Mich hat man nie gezwungen ins Ausland zu gehen. Allerdings hat man viele Möglichkeiten innerhalb der Firma, falls jemand gehen möchte und das ist meiner Meinung nach eine grosse Chance. Wie immer ist es auch hier wichtig, zu wissen, was man will.

Was empfehlen Sie zusammenfassend einem jungen Apotheker, der gerne eine wirtschaftliche Laufbahn in der pharmazeutischen Industrie einschlagen möchte?
Ich würde empfehlen, nach dem Studium wenn möglich in einem grossen, pharmazeutischen Unternehmen wie Novartis oder Roche zu arbeiten, jene, welche man umgangssprachlich die „Pharmariesen“ nennt. Die Möglichkeiten sind enorm und man kann interne oder externe Weiterbildungen absolvieren (Trainee bzw. MBA), welche vom Unternehmen stark gefördert und unterstützt werden. Sie können später immer wieder in kleine Firmen zurückkehren, wenn einem diese Firmenstruktur besser gefällt.

Reden wir zum Schluss ein wenig über Sandoz - zusammen mit Mepha die zwei unbestreitbaren Leader im Generika-Markt der Schweiz - was sind Ihre Stärken?
Die Stärke von Sandoz kann man in drei Punkten zusammenfassen: Die Produktpalette ist sehr umfangreich (über alle Indikationen), die Qualität und das Vertrauen in die Marke „Sandoz“ sowie die interne Produktionskapazität von Medikamenten des Sandoz-Sortiments, wie zum Beispiel die Markteinführung von Biosimilars*** (Folgepräparate biotechnologischer Arzneimittel, bei denen der Patentschutz abgelaufen ist).

Interview vom 12. Januar 2009 durch Xavier Gruffat für Pharmapro GmbH


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Biopharmazeutika - Herstellung in einem komplexen Prozess
Biosimilars - kurz hergeleitet von Similar Biological Medicinal Product - nennen sich die komplexen Folgepräparate von Biopharmazeutika mit hohem Molekulargewicht. Da der Herstellungsprozess von Biopharmazeutika nicht öffentlich zugänglich ist, stellt die Produktion von Biosimilars eine grosse Herausforderung an Prozesse wie Herstellung, Reinigung, Formulierung und Lage-rung dar. Was bedeutet das also für den Herstellungsprozess eines Biosimilars? Bei Biosimilars muss gewährleistet sein, dass die Wechselwirkung mit dem Rezeptor sich nicht von der des Referenzpräparates - also des Originals - unterscheidet. Daher wird die biologische Ähnlichkeit nicht nur im Labor, sondern auch in klinischen Studien bestimmt. Ein Schritt, der bei klassischen Generika nicht erforderlich ist. Ein Biosimilar ist daher nicht einfach ein Duplikat eines Biopharmazeutikums, sondern gehört einer neuer Generation von Medikamenten an.


© 25.01.2009 - Pharmapro GmbH


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