Laut UZH-Psychologin steckt keine Langlebigkeit im "Longevity"-Hype
Von Nyima Sonam (Keystone-SDA)
ZÜRICH - Beim "Longevity"-Trend gehe es darum, Kontrolle über die eigene Gesundheit und die Dauer des Lebens herzustellen, sagte die Psychologin Christina Röcke im Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Sie forscht am Healthy-Longevity-Center der Universität Zürich zu gesunder Langlebigkeit.
Mittels Biohacking, Bluttuning oder Triple Detox Booster versprechen private Gesundheitsinstitute ein besseres, gesünderes und vor allem längeres Leben. Frau Röcke, wird uns die Forschung bald ein Rezept für Unsterblichkeit liefern?
Röcke: Hinter der Kommerzialisierung von gesunder Langlebigkeit steht meist ein Anti-Aging-Narrativ. Doch wir können den Tod nicht abschaffen. Ein solches Gesundheitsverständnis ist kontraproduktiv, denn es arbeitet mit Ängsten und macht uns schlussendlich eher krank. Was hilft es mir zu wissen, dass ich eine Krankheit habe oder haben könnte, wenn es noch keine Behandlung dafür gibt und ich vielleicht sowieso nie betroffen sein würde? Statt primär Gesundheitswerte zu tracken, sollten wir ebenso sehr soziale Räume stärken.
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Steckt im "Longevity"-Hype gar keine Langlebigkeit drin?
Röcke: Ein defizitorientierter Blick aufs Altern prägt unser Gesundheitsverständnis und hat gesundheitsvermindernde Auswirkungen. Beim Longevity-Trend liegt der Fokus auf Selbstoptimierung, oft ohne Umweltfaktoren miteinzubeziehen. Doch wir leben nun mal nicht in einem Vakuum. Altern ist ein komplexes Phänomen, das passiert nicht nur auf Zellebene.
Unter dem Schlagwort "Longevity" werden viele vollmundige Versprechen gemacht. Dabei ist oft nicht abschliessend geklärt, ob und wie sich die Forschungsergebnisse, die an Tieren gemacht werden, auf Menschen übertragen lassen.
Muss anders über das Altern nachgedacht werden?
Röcke: Heute umspannt die Phase, die wir Altern nennen, mehrere Jahrzehnte - eine Zeit im Leben, die keinesfalls nur durch Verluste, sondern durch eine Vielfalt an sozio-emotionalen und interpersonellen Zugewinnen gekennzeichnet ist. Der Gesundheitsbegriff, der hinter dem "Longevity"-Phänomen steht, ist meiner Meinung nach zu eng gefasst. Ausserdem ist er in vielen Bereichen altersdiskriminierend.
Um individuelles Altern verstehen zu können, müssen neben biomedizinischen Faktoren auch der Lebenskontext und die ganzheitliche Lebensqualität berücksichtigt werden. Dabei kann ein interdisziplinärer Forschungsansatz, und insbesondere die Psychologie, hilfreich sein.
Welche Voraussetzungen braucht es denn, um gesund altern zu können?
Röcke: Gemäss der Weltgesundheitsorganisation WHO ist Mobilität beispielsweise fürs Altern zentral. Und die hängt davon ab, wie zugänglich die Lebenswelt ist. Grundsätzlich ist gesundes Altern auch mit Einschränkungen möglich, doch Betroffene brauchen dafür die richtige Umwelt. Hürden für soziale Zugehörigkeit und Teilhabe müssen möglichst gering gehalten werden.
Personen ohne Einschränkungen nehmen Barrieren oft nicht wahr. Wer aber schon einmal auf Krücken angewiesen war, wird am eigenen Leib erfahren haben, wie zugänglich eine Innenstadt wie Zürich beispielsweise ist.
Das Healthy-Longevity-Center der Universität Zürich erstellt derzeit eine Karte, die mobilitätseingeschränkten Menschen die Navigation zu Fuss erleichtern soll.
Röcke: Federführend beim Projekt "Zu-Reach" ist Dr. Hoda Allahbakhshi. Dahinter steht die Überzeugung, dass Mobilität von der Zugänglichkeit der Lebensumwelt abhängig ist. "Zu-Reach" setzt auf einen partizipativen Forschungsansatz; Betroffene wurden direkt in die Datensammlung einbezogen. Damit werden Nutzerinnen und Nutzer dieser Navigationshilfe von Beginn an in die Entwicklung einbezogen. So ist das Projekt nahe an den alltäglichen Herausforderungen dran, die es zu lösen gilt.
Für wen ist diese Karte und welche Vorteile soll sie bringen?
Röcke: Für mobilitätseingeschränkte Personen ist es wichtig zu wissen, wo auf ihrem Weg Hilfen oder Hindernisse liegen. Eventuell könnten sie einen Fussweg problemlos zurücklegen, bräuchten dafür aber zwingend eine Sitzgelegenheit, um eine Pause einlegen zu können.
"Wie komme ich zu Fuss von A nach B, wenn ich im Rollstuhl bin?"
Menschen unterschiedlichen Alters, mit Gehhilfen, mit Kinderwagen oder schwerem Gepäck haben dafür im Kreis 1 in Zürich sämtliche Trottoirs, Rampen, Zebrastreifen oder anderen Hilfen und Hürden erfasst, die den Fussweg erschweren, verunmöglichen oder erleichtern. Auf ihren Erhebungen wurde eine Karte für den Zürcher Kreis 1 erstellt, die nun auf die ganze Stadt Zürich ausgeweitet werden soll.
Ohne solche Kenntnisse verlassen Menschen mit eingeschränkter Mobilität eventuell weniger das Haus oder sind dabei auf Hilfe angewiesen. Es gibt viele Hürden, die ein angeregtes und mobiles Leben im Alter erschweren. Werden Hindernisse in einer Karte ausgewiesen, können sie besser umgangen werden. So wird Mobilität zugänglicher für alle.
Steigt damit auch die Aussicht auf ein langes Leben?
Röcke: Statistisch gesehen, ja, da Mobilität körperliche, soziale und geistige Aktivität ermöglicht. Trotzdem müssen wir zum Lebensende hin oft auch mit Einschränkungen umgehen lernen. Viele Gesundheitsbemühungen und Optimierungsversuche werden irgendwann an ihre Grenzen stossen. Statt allein nach den Möglichkeiten für Langlebigkeit zu fragen, sollten wir ebenso die Bedingungen verstehen, die trotz Einschränkungen für ein gutes Leben und damit auch für ein gutes Lebensende wichtig sind.
Quelle: SDA / Keystone - 08.02.2026, Copyrights Bilder: Adobe Stock/© 2025 Pixabay
