Wenn der Baby-Blues einer Behandlung bedarf
BERN - Baby-Blues statt Mutterglück: Rund um die Geburt haben jährlich tausende Frauen in der Schweiz mit psychischen Problemen zu kämpfen. Eine Hürde sind dabei auch die gesellschaftlichen Erwartungen an frischgebackene Mütter.
"Eine Geburt ist ein freudiges Ereignis", sagte Andrea Borzatta, Präsidentin der Non-Profit Organisation Periparto Schweiz. Umso schwieriger sei es zu erklären, wenn diese Freude ausbleibt. Allein im letzten Jahr litten bis zu 16'000 Mütter unter den Folgen einer peripartalen psychischen Erkrankung.
Dass es sich nicht bei allen Müttern um Liebe auf den ersten Blick handle, das hatte Rebekka schon gewusst. Dass sie nach der Geburt hoffte, der Vater möge möglichst lange mit dem Kind wegbleiben, darauf war die frischgebackene Mutter nicht vorbereitet gewesen. "Dieses schreckliche Gefühl, werde ich mein Leben lang nicht vergessen", schrieb sie in ihrem Erfahrungsbericht. Beim Gedanken daran würden sie noch heute manchmal Gewissensbisse plagen.
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Psychische Komplikationen rund um die Geburt
Der Übergang zur Elternschaft sei eine der vulnerabelsten Lebensphasen überhaupt, weiss Borzatta. Bis zu achtzig Prozent der Mütter leiden wenige Tage nach der Geburt unter Traurigkeit oder Stimmungsschwankungen. Bei rund 15 bis 20 Prozent der Gebärenden wird aber aus dem Baby-Blues eine behandlungsbedürftige postpartale Depression. Allein im vergangenen Jahr waren davon bis zu 16'000 Frauen in der Schweiz betroffen.
Psychische Erkrankungen rund um die Geburt treten häufiger auf, als oft angenommen wird - darüber gesprochen werde dennoch selten. Unter dem Begriff "peripartale psychische Erkrankungen" werden Störungsbilder wie Angst- und Zwangsstörungen, Depression, posttraumatische Belastungsstörungen und seltener auch postpartale Psychose, zusammengefasst. "Peripartal" bedeutet "rund um die Geburt", denn tatsächlich nimmt fast jede zweite Erkrankung ihren Ursprung in der Schwangerschaft.
Ihre Schwangerschaft beschrieb Rebekka als "komplikationslos". Bei der Geburt sei dann aber alles ganz anders gekommen: "Anstatt spontan und hebammengeleitet zu gebären, war ein dringlicher Kaiserschnitt notwendig". Nach der Geburt fühlte sich Rebekka überfordert, sie hatte Schmerzen und litt unter Schlafmangel. Die junge Mutter meinte damals, alles allein schaffen zu müssen.
Bis das Kartenhaus zusammenfällt
"Ich nahm mir fest vor, dass niemand merken soll, wie schlecht es mir eigentlich geht", sagte sie. Tagsüber habe sie sich deshalb stark zusammengerissen, um so die Maske aufrecht zu erhalten. Jeden Abend sei ihr Kartenhaus aber in sich zusammengefallen.
In den meisten Fällen seien peripartale psychische Erkrankungen gut behandelbar, weiss Borzatta. Von selbst würden sie sich aber meist nicht auflösen.
Betroffene brauchten gezielte Unterstützung durch das soziale Umfeld, aber auch durch fachliche Begleitung in Form von Psychotherapie und bei Bedarf mit medikamentöser Behandlung. Hilfe finden Betroffene auch bei Periparto: Als einzige schweizweit tätige gemeinnützige Organisation, die sich auf peripartale psychische Erkrankungen spezialisiert hat, ist Periparto eine niederschwellige, unabhängige Anlaufstelle für Betroffene, Angehörige und Fachpersonen.
Neben den Beratungen bietet die Organisation auch Weiterbildungen an, sensibilisiert Arbeitgebende und engagiert sich aktiv für die Entstigmatisierung peripartaler psychischer Erkrankungen. Präsidentin Borzatta zufolge liegt die Besonderheit von Periparto darin, dass alle Beraterinnen selbst einmal am gleichen Punkt gestanden sind und wissen, wie es sich anfühlt. In dieser entscheidenden Lebensphase sollte niemand alleine kämpfen oder sich für seine Gefühle schämen müssen, betonte sie.
Jeder Tag ist Muttertag
So vieles hänge tagtäglich an Müttern, sagte sie, und das meiste davon bleibe unsichtbar. "Das Planen, Organisieren, Antizipieren, Funktionieren. Das wird selten gesehen, kaum anerkannt und schon gar nicht gefeiert. Es ist einfach selbstverständlich."
Gleichzeitig seien die gesellschaftlichen Erwartungen an Mütter in den letzten Jahren gestiegen. Das Bild der perfekten, glücklichen Mutter werde von den sozialen Medien zusätzlich verstärkt. Wer diesem Bild nicht entspreche, schweige lieber, als zuzugeben, dass es gerade nicht rund läuft. Für Borzatta zeigt sich wahre Stärke aber darin, die Maske fallen zu lassen und Hilfe annehmen zu können.
Auch damit hatte sich Rebekka im letzten Jahr intensiv auseinandergesetzt. Heute ist sie stolz auf den Weg, den sie zurückgelegt hat. "Wir sollten den Familien einen riesigen Applaus dafür geben, was sie tagtäglich leisten", sagte sie. Und auch Borzatta findet: "Muttertag ist eigentlich jeden Tag."
Quelle: 10.05.2026, von Nyima Sonam (Keystone-SDA) - Bilder: Adobe Stock/© 2026 Pixabay Copyrights
