Zahlreiche virale Behauptungen zum Hantavirus im Faktencheck
WIEN - Der Ausbruch des Hantavirus, der weltweit für Schlagzeilen sorgt, weckt in vielerlei Hinsicht Erinnerungen an die Covid-Pandemie. In Sozialen Medien ruft das Thema Impfkritiker auf den Plan, die behaupten, das Hantavirus sei eine Nebenwirkung der Corona-Impfung (1,2). In anderen Userbeiträgen wird die Echtheit des Ausbruchs auf dem Kreuzfahrtschiff MS Hondius angezweifelt und über den Einsatz von Schauspielern gemutmasst (3). Ein Faktencheck der österreichischen Nachrichtenagentur APA:
Einschätzung:
Die Behauptung, die Hantavirus-Erkrankung sei eine Nebenwirkung der Covid-Impfung, ist falsch. Sie findet sich nicht in der Auflistung von Nebenwirkungen. Ein geteilter Screenshot einer Patentanmeldung wurde mehrfach manipuliert. Das Bild- und Videomaterial der Passagierevakuierung auf dem Kreuzfahrtschiff "Hondius" kann als echt eingestuft werden. Für eine gezielte Verbreitung des Virus gibt es keine Belege, ebenso wenig für die angebliche Wortherkunft.
Überprüfung:
Userinnen und User verbreiten in mehreren Sozialen Netzwerken die Behauptung, dass eine Erkrankung mit dem Hantavirus als Nebenwirkung des Pfizer-Impfstoffes gegen Corona gelistet ist. Als vermeintlicher Beleg dafür soll ein Dokument des US-Pharmakonzerns mit dem Titel "Analyse der Meldung unerwünschter Ereignisse nach der Zulassung" ("adverse event reports") von 2021 dienen (4). Auf Seite 33 wird dabei tatsächlich "Hantavirus pulmonary infection", also Hantavirus-Lungeninfektion, angeführt. Dabei handelt es sich aber nicht um eine offizielle Auflistung von Nebenwirkungen der Covid-Impfung, sondern um einen Sicherheitsbericht der Firma Pfizer, die den Impfstoff Comirnaty gemeinsam mit dem deutschen Unternehmen BioNTech auf den Markt brachte (5).
Pharmaunternehmen müssen den zuständigen Kontrollbehörden vor jeder Zulassung eines neuen Impfstoffes entsprechende Sicherheitsberichte vorlegen (6). Dabei werden alle "unerwünschten Ereignisse" nach einer Impfung dokumentiert - egal ob ein Zusammenhang damit bestätigt wurde oder nicht. Pfizer selbst schreibt in dem Bericht (4), dass teils klinische Informationen wie eine Anamnese oder Bestätigung der Diagnose fehle oder unvollständige Beobachtungsdaten vorlägen. Und: Eine Häufung von Meldungen über "unerwünschte Ereignisse" bedeute nicht zwangsläufig, dass diese durch das Arzneimittel verursacht worden seien. "Vielmehr kann ein Ereignis auf eine Grunderkrankung oder andere Faktoren wie die Anamnese oder die Einnahme von Begleitmedikamenten zurückzuführen sein", heisst es da.
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Hantavirus in Beipackzettel nicht als Nebenwirkung gelistet
Welche Nebenwirkungen tatsächlich kausal im Zusammenhang mit der Impfung stehen, wird erst in einem späteren Schritt geprüft - nachdem alle gemeldeten Fälle ausgewertet wurden. Die so ermittelten möglichen Nebenwirkungen werden im Beipackzettel (7) beziehungsweise den offiziellen Produktinformationen (8) veröffentlicht. Beim Impfstoff Comirnaty kommt das Hantavirus als Nebenwirkung nicht vor.
Angebliche Nebenwirkungen der Covid-Impfung waren schon in der Vergangenheit Gegenstand von Desinformation, auch hier beriefen sich Userinnen und User auf die im Sicherheitsbericht dokumentierten "Ereignisse". 2022 hiess es etwa, das Vakzin führe zu Fehlgeburten - eine Behauptung, die Faktencheck-Teams von Reuters (9) und Correctiv (10) widerlegten.
Screenshot von Patentanmeldung manipuliert
In Sozialen Medien wird zudem ein Bild (2) geteilt, das eine Patenteinreichung für eine mRNA-Impfung gegen das Hantavirus, datiert mit 24. April 2025, zeigen soll. Dabei handelt es sich allerdings noch nicht um ein Patent, sondern eben nur um eine Anmeldung dafür. Manche Userinnen und User suggerieren mit dem Sharepic, das Hantavirus sei gezielt verbreitet worden, damit Pharmafirmen nun mit dem Vakzin Profit erzielen können. Dafür gibt es keinerlei Belege.
Forschung für einen Impfstoff gegen das Virus gibt es allerdings bereits seit rund drei Jahrzehnten (11). Das Virus selbst tauchte erstmals 1950 in Südkorea auf. In Österreich werden laut AGES jährlich durchschnittlich 85 Hantavirus-Erkrankungen gemeldet, 2019 und 2022 gab es mit je über 200 Erkrankungen Ausreisser nach oben (12).
In der öffentlichen Datenbank des US-Patent- und Markenamtes USPTO (13) existiert zwar ein Dokument mit der im Sharepic angegebenen Publikationsnummer. Allerdings handelt es sich bei dem Patent um eines für "Transistorschaltungen mit Rauschunterdrückung" (14), das am 17. Oktober 2023 eingereicht und am 17. April 2025 publiziert wurde.
Zwar wurde tatsächlich ein Patent im Rahmen der Forschung zu mRNA-Impfstoffen gegen das Hantavirus eingereicht (15), jedoch unterscheidet sich die Originaleinreichung vom aktuellen Sharepic signifikant. Wirft man einen genaueren Blick auf den Text (Punkt "Abstract") des angeblichen Dokuments auf Seite 1, fallen zahlreiche Tipp- und Rechtschreibfehler auf. Auch die Namen der Erfinder lauten im Original anders. Warum der Screenshot manipuliert wurde, ist unklar.
Echtheit des Ausbruchs und der Passagierevakuierung in Frage gestellt
Auch Behauptungen (3), mit denen die Echtheit des Hantavirus-Ausbruchs auf dem Kreuzfahrtschiff "MS Hondius" (16) in Frage gestellt wird, kursieren in sozialen Medien. Verschiedene Bilder sollen Belege dafür sein, dass sowohl Betroffene als auch Rettungskräfte von Schauspielern dargestellt wurden, als die Urlaubenden in Teneriffa von Bord des Schiffes geholt und mit Bussen weggebracht wurden.
Ein Bild zeigt Männer in Uniformen und mehrere Personen in Ganzkörper-Schutzanzügen unmittelbar nebeneinander stehen. Die Szene zeigt ein kleines von Polizisten bewachtes Boot, das medizinisches Personal zur "Hondius" brachte (17). Doch nur die entsprechend geschützten Personen betraten daraufhin das Kreuzfahrtschiff.
Die beiden Bilder, die Menschen mit Masken in einem Bus zeigen, wurden beim Abtransport der Evakuierten aufgenommen. Busse der militärischen Nothilfeeinheit Spaniens brachten Passagiere der "Hondius" in Quarantänestationen oder zum Flughafen (18). Unklar ist, ob es sich bei den beiden Personen, deren Gesichter zum Zeitpunkt der Fotos nicht von Maske bedeckt waren, um Erkrankte handelte oder nicht. Eine der Personen soll Medienberichten zufolge ein niederländischer Reisender gewesen sein (19).
Auf einem dritten Foto sind abermals Menschen in Schutzanzügen zu sehen, die nur zum Teil Handschuhe und Masken tragen. Vor ihnen geht ein Mann in Uniform gänzlich ohne Schutzausrüstung. Ob diese Menschen vor oder nach ihrem Einsatz abgebildet wurden, ist nicht ersichtlich. Beweis dafür, dass die Rettungsaktion nur fingiert und die Menschen allesamt Schauspieler waren, ist keines dieser Bilder.
Woher kommt der Begriff Hanta?
Weit verbreitet ist auch die Behauptung, dass der Name des Virus aus dem Hebräischen oder auch Ungarischen stammt und sich mit "Unsinn" oder "Lüge" übersetzen lässt (20). Im Hebräischen gibt es dieses Wort nicht, wie Mimikama bereits aufgezeigt hat (21). In ungarischen Wörterbüchern findet sich auch keine Entsprechung (22). Umgangssprachlich ist diese Verwendung hingegen dokumentiert (23).
Tatsächlich stammt der Name aber nicht aus dem Ungarischen, sondern vom Fluss Hantan in Südkorea. In den 1950er Jahren erkrankten dort, im Grenzgebiet zwischen Nord- und Südkorea, Soldaten an dem "koreanischen hämorrhagisches Fieber" (24). In den 1970er Jahren entdeckten Wissenschaftler erstmals das verantwortliche Virus dafür, es wurde nach dem Fluss benannt.
Übertragung durch Ausscheidungen von Nagern
Hantaviren sind umhüllte einsträngige RNA-Viren, die durch die Ausscheidungen bestimmter Nagetiere wie Mäuse oder Ratten auf den Menschen übertragen werden können (12). Die Tier-zu-Mensch-Übertragung erfolgt durch das Einatmen virushaltiger Aerosole oder etwa durch den Kontakt verletzter Haut mit kontaminierten Materialien beziehungsweise durch Bisse.
Quellen:
(1) Facebook-Posting: https://go.apa.at/b6usvwCG (archiviert: https://go.apa.at/pKkqLhQT)
(2) X-Post zu angeblichem US-Patent: https://go.apa.at/SwgJoPJ4 (archiviert: https://go.apa.at/syugJ4Cq)
(3) X-Post zu angeblich gestellter Evakuierung: https://go.apa.at/fHR45d2H (archiviert: https://go.apa.at/dUcz6TMC)
(4) Pfizer-Sicherheitsbericht über "adverse events": https://go.apa.at/croxE04f (archiviert: https://go.apa.at/elepJfEY)
(5) WHO zum Impfstoff von Pfizer/BioNTech: https://go.apa.at/p2QeMPgY (archiviert: https://go.apa.at/6yLXOydT)
(6) AGES zur Zulassung von Impfstoffen in Österreich: https://go.apa.at/s6xnvtjb (archiviert: https://go.apa.at/1DtbrWLw)
(7) Beipackzettel Impfstoff Comirnaty: https://go.apa.at/FEhw7K7F (archiviert: https://go.apa.at/siwWaAsj)
(8) Produktbeschreibung des Comirnaty-Impfstoffs von Pfizer und Biontech: https://go.apa.at/67Gwei3d (archiviert: https://go.apa.at/PFtADfEG)
(9) Reuters-Faktencheck von 2022: https://go.apa.at/ywTSfz2y (an anderer Stelle archiviert: https://go.apa.at/CY9NNRYy)
(10) Correctiv-Faktencheck von 2022: https://go.apa.at/jGHgWPJK (archiviert: https://go.apa.at/j1haWyp5)
(11) Studie über Forschung zu Hantavirus-Impfung: https://go.apa.at/uZuPECgD (archiviert: https://go.apa.at/nf2ewzsb)
(12) AGES zum Hantavirus: https://go.apa.at/LYPyu1ai (archiviert: https://go.apa.at/911NTn8f)
(13) Datenbank des US-Patent- und Markenamtes: https://go.apa.at/6a7y3pNk (archiviert: https://go.apa.at/2RqlTNaZ)
(14) US-Patent zu Transistorenschaltung: https://go.apa.at/TXrlfkuG (archiviert: https://go.apa.at/b3Apouc5)
(15) Original-US-Patent zu Hantavirusforschung: https://go.apa.at/rWClo1zT (archiviert: https://go.apa.at/3ON7TLXH)
(16) "derstandard.at" zur MS Hondius: https://go.apa.at/NNHftNA7 (archiviert: https://go.apa.at/MjBnnZ1o)
(17) Bild mit komplettem Boot: https://go.apa.at/SPY0cMXd (archiviert: https://go.apa.at/jtrLy9QO)
(18) Euronews-Video zur Evakuierung: https://go.apa.at/KPaYofks (archiviert: https://go.apa.at/BAVQoMfA)
(19) Medienbericht zur Evakuierung: https://go.apa.at/D7gMZCyO (archiviert: https://go.apa.at/bewj8gAz)
(20) Behauptung zur Übersetzung des Wortes: https://go.apa.at/JcPp8cKO (archiviert: https://go.apa.at/z4H4wpJ3)
(21) "Mimikama"-Faktencheck zu Hantavirus: https://go.apa.at/TryP6aOm (archiviert: https://go.apa.at/OCJ9SOuA)
(22) Wörterbuch-Suche nach "hanta": https://go.apa.at/4KQGieZZ (archiviert: https://go.apa.at/KWY7HzRa)
(23) Übersetzung Ungarisch-Englisch: https://go.apa.at/eNWNLGJX (archiviert: https://go.apa.at/9wJYxVqa)
(24) Pharmazeutische Zeitung zum Hantavirus: https://go.apa.at/yr19ajL2 (archiviert: https://go.apa.at/8SkqHoA1)
Quelle: sda apa (via Keystone-SDA) - 20.05.2026, Copyrights Bilder: Adobe Stock/© 2026 Pixabay
