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Tessiner Apotheken geben Antibiotika nur abgezählt nach Arztrezept ab, zur Bekämpfung der Antibiotikaresistenzen – Exklusivinterview

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LUGANO - Seit Anfang 2019 geben Tessiner Apotheken den Patienten Antibiotika nur abgezählt mit - zur Bekämpfung der Antibiotika-Resistenzen - wie Anfang April 2019 ein Mitarbeiter der deutschsprachigen Radio- und Fernsehsenders SRF berichtete. Es handelt sich um eine neue Vorgehensweise in Schweizer Apotheken. Hauptziel ist die Bekämpfung der Antibiotikaresistenzen - einem nach Angaben der WHO schwerwiegenden Problem der öffentlichen Gesundheit, das jedes Jahr weltweit Zehntausende von Todesfällen verursacht. Einige Apotheken-Kunden sind jedoch nicht sehr glücklich, die gesamte Packung bezahlen zu müssen, obwohl sie nur einen Teil der Medikamente erhalten.

Die Initiative wurde vom Tessiner Kantonsapotheker Giovan Maria Zanini lanciert, der unsere Fragen in einem Interview beantwortete. 

Pharmapro.ch - Wenn ich richtig verstanden habe, nimmt der Apotheker gegebenenfalls Tabletten oder Kapseln aus der Medikamentenpackung und gibt nur die restlichen Tabletten, die Packung und den Beipackzettel an den Kunden/Patienten ab?

Giovan Maria Zanini – Die Apotheker wurden aufgefordert, die genaue Anzahl der für die vollständige Behandlung erforderlichen Dosen zu verabreichen. Wenn der Arzt z.B. 5 Tage lang 3 Tabletten pro Tag verschrieben hat, die Schachtel aber 20 Tabletten enthält, entnimmt der Apotheker die 5 überzähligen Tabletten aus der Packung. Er achtet darauf, keine Informationen über Identität, Chargennummer und Verfallsdatum des Arzneimittels zu verlieren; er übergibt dem Patienten in der von Swissmedic zugelassenen Originalverpackung die restliche Anzahl Tabletten mit der vollständigen Packungsbeilage (Beipackzettel) und den Patienteninformationen.

Im Rahmen der Bekämpfung der Antibiotikaresistenz werden Patienten schon seit längerer Zeit gebeten, unbenutzte Dosen an die Apotheke zurückzugeben. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass diese Aufforderung allein nicht immer ausreicht. Viele Patienten verwenden nämlich ihre restlichen Antibiotika später zur Selbstmedikation oder teilen  sie mit anderen. Unser Verfahren fördert die vorzeitige Rückgabe von Überdosierungen an die Apotheke.

Auf welche Weise werden die zurückbehaltenen Tabletten - ohne Packung und Beipackzettel - in der Apotheke aufbewahrt, falls das Arztrezept erneuert wird? Z. B. in speziellen Kunststoffbehältern? Wie lange (Wochen, Monate) sollte die Apotheke die Antibiotika des Patienten aufbewahren?

Der Apotheker sollte nicht abgegebene Dosen, die auf den Namen des Patienten lauten, für einige Tage nach dem geplanten Ende der Behandlung aufbewahren. Dies kann notwendig sein, wenn der Arzt beschliesst, die Behandlungsdauer zu verlängern. Eine längerfristige Aufbewahrung bis zum Verfallsdatum für eine zukünftige Behandlung mit demselben Medikament wurde nicht in Betracht gezogen. Unser Projekt zielt ausschliesslich darauf ab, einen Beitrag zur Bekämpfung der Antibiotikaresistenzen zu leisten. Es handelt sich jedoch weder eine Massnahme zur Kostensenkung medizinischer Therapien noch um eine Initiative zur Reduzierung von Medikamentenabfällen. Ich bin mir sicher, dass die Apotheker diese Dosen ordnungsgemäss aufbewahren, da sie wissen, wie sie ihre Arbeit machen müssen. Ich habe daher diesbezüglich keine besonderen Anweisungen gegeben.

Könnten die Krankenkassen zur Finanzierung der Bekämpfung der Antibiotikaresistenz beitragen? So könnte man beispielsweise die Patientenrechnung entsprechend kürzen (z. B. wenn der Patient nur 6 Tabletten statt 10 braucht, würde er für 6 bezahlen). Die Apotheke würde eine Pauschale erhalten, um den finanziellen Schaden zu begrenzen, wie Verkaufseinbussen etc. Vielleicht durch eine Vereinbarung mit dem Bund zur Reduzierung der Antibiotikaresistenz, der den Verlust ausgleichen würde?
Die Tessiner Apotheker bieten diesen Service auf vollkommen freiwilliger und kostenloser Basis an. Das bedeutet natürlich eine zusätzliche Mühe für sie und einige zusätzliche Minuten Arbeit, insbesondere, um dem Patienten die Ziele der öffentlichen Gesundheit zu erläutern, die mit dieser Massnahme verfolgt werden. Eine interessante Studie, die in Frankreich durchgeführt und 2017 veröffentlicht wurde (Treibich C., Lescher S., Sagaon-Teyssier L., Ventelou B. (2017 The expected and unexpected benefits of dispensing the exact number of pills/Die erwarteten und unerwarteten Vorteile der Dosierung der genauen Anzahl von Tabletten. PLoS ONE 12(9):e0184420. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0184420) hat ebenfalls gezeigt, dass dies die Compliance deutlich verbessert. Nach meiner persönlichen Ansicht wäre es eine gute Idee, für diesen speziellen Service der Apotheker einen Spezialpreis zu zahlen.
Ich erachte es jedoch nicht als notwendig, dem Patienten (oder besser gesagt seiner Krankenkasse) nur die tatsächlich verteilte Menge in Rechnung zu stellen. Der Arzt hat ja nicht eine Schachtel mit 20 Tabletten verschrieben, sondern eine Behandlung - und diese Behandlung wird in ihrer Gesamtheit durchgeführt. Es ist ein bisschen wie beim Kauf eines Tagestickets: Jeder bezahlt den gleichen Preis, aber einige fahren weiter und reisen länger als andere. Abgesehen davon, wenn der Patient wirklich im Interesse der Gemeinschaft handelt, d.h. die Antibiotika, die er nicht benutzt hat, in die Apotheke zurückbringt, wird ihm niemand das Geld zurückzahlen! Schliesslich dürfen wir nicht vergessen, dass - abgesehen von gewissen Spitalprodukten, die wir hier nicht zu berücksichtigen brauchen - Antibiotika sehr alte, bewährte und daher auch sehr preiswerte Medikamente sind. Der Inhalt kostet weniger als die Verpackung und in der Praxis spielt der Preis einer Schachtel mit 15 oder 20 Tabletten keine grosse Rolle. Wenn man die Dinge zu kompliziert macht, hat das oft eine entmutigende Wirkung auf die Leute.

Wie viele Apotheken im Tessin nehmen nach Ihren Informationen derzeit an diesem Programm teil (von den mehr als 200 Apotheken im Tessin)?
Bislang haben rund 80 Apotheken bestätigt, dass sie unserer Aufforderung gefolgt sind. Das ist meiner Meinung nach ein sehr gutes Ergebnis, da die Entscheidung den Apothekern völlig freisteht, sie können nach eigenem Ermessen handeln. Ich hatte jedoch keinen Zweifel daran, dass viele positiv reagieren würden. Die Massnahme ist ja wirklich sehr einfach zu handhaben, aber gleichzeitig ist sie nützlich. In den letzten Wochen haben die Medien, die Verbraucherverbände und die Behörden mehrere positive Reaktionen erhalten.

Wie reagieren die Kunden? Gibt es Kunden, die erstaunt oder überrascht reagieren, weil sie nicht das gesamte Paket erhalten?
In meinem Rundschreiben Mitte Dezember habe ich den Apothekern empfohlen, die Patienten darüber zu informieren, dass nur die für die Behandlung notwendige Anzahl Tabletten an den Patienten abgegeben wird, während in der Regel die gesamte Packung in Rechnung gestellt wird; es ist zudem notwendig, dem Patienten die Gründe zur Rechtfertigung dieser Praxis zu erläutern. Laut den am Projekt beteiligten Apotheken reagieren fast alle Patienten positiv und können nachvollziehen, was getan wird und weshalb. Einige Kunden hingegen akzeptieren diese Massnahme nicht. Sie finden, dass sie Anrecht auf das gesamte Paket zu haben, da sie ja dafür bezahlt haben: Dies ist eine Kritik, die ich teilweise verstehe und die wir natürlich berücksichtigt haben…. Der Kampf gegen Antibiotikaresistenzen betrifft jedoch alle, Wissenschaft, Industrie, Ärzte, Apotheker … Auch die Patienten müssen und können Ihren Beitrag leisten. Es ist wie beim Klima: Es ist nicht nur an den "Anderen", etwas zu unternehmen!


18. April 2019. Von Xavier Gruffat (Apotheker - MBA) mit der Berichterstattung von Pharmapro.ch, nach dem SRF-Artikel in deutscher Sprache. Primäre Quellen: Exklusives Interview per E-Mail von Xavier Gruffat in Französischer und Italienischer Sprache mit Herrn Giovan Maria Zanini im April 2019, SRF (https://www.srf.ch/news/schweiz/kampf-gegen-resistenzen-tessiner-apotheken-geben-antibiotika-nur-abgezaehlt-mit), Le Nouvelliste, Le Figaro. Sekundärquellen: WHO, Creapharma.ch, Pharmavista.net







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