Topsharing - Jobsharing für Profis


Einen Führungsposten mit zwei Personen zu besetzen - in der Wirtschaft heute offensichtlich immer noch etwas unüblich, aber in der Apotheke nicht unbedingt etwas Neues. Wir machen das seit über 20 Jahren so in unserer Apotheke / Drogerie.

Statistisch gesehen ist Teilzeitarbeit bei Frauen schon lange üblicher als bei den Männern. Laut Bundesamt für Statistik arbeiteten 2015 knapp 60% der Frauen Teilzeit (1991: 49%) und Männer 17% (1991: 8%). Tendenz bei beiden Geschlechtern steigend. (1)

Trotzdem ist Jobsharing noch selten. Jobsharing bedeutet: man teilt sich eine Stelle und die Verantwortung mit einer anderen Person. Nach der Beschreibung arbeiten ca. 10% aller teilzeiterwerbstätigen Arbeitnehmenden im Jobsharing.

In der Führungsebene nennt man das Topsharing oder auch Tandemführung. Und da sind das noch weniger: knapp 7%. Das liegt daran, dass von 400 Unternehmen nur rund 100 Firmen Jobsharing auf Führungsebene anbieten. (2)  Das sind vor allem grössere Unternehmen in der Versicherungsbranche, in öffentlichen Verwaltungen oder in der Elektronik- und Computerbranche.

Gerade im Gesundheitsbereich (Apotheke und Drogerie) arbeiten sehr viele Frauen. Dazu herrscht ein gravierender Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Tatsächlich ist es so: je höher der Bildungsgrad von Frauen mit Kindern, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass sie Teilzeit arbeiten. Das erklärt sich sowohl anhand des höheren Gehaltes, das der absolvierten Ausbildung entspricht, aber auch dem Wunsch, die Betreuung der Kinder nicht (komplett) Dritt-Personen zu überlassen. Eine hochqualifizierte Angestellte, die nach Jahren Berufstätigkeit ihr erstes Kind erwartet und Ihr Pensum reduzieren will, verlässt häufig das Unternehmen, weil man ihr keine kombinierte Teilzeitstelle mit einer hohen Verantwortung anbieten kann. In solchen Fällen kann Jobsharing eine interessante Lösung sein, sowohl für die Frauen als auch für die Unternehmen.

Die Nachfrage für Topsharing steigt auch deshalb an, weil viele Stellen vor allem auf Kaderstufe zu 100% besetzt sein müssen - da gibt es gesetzliche Vorschriften nicht nur was die Arbeitsprozente, sondern auch was die Anwesenheitspflicht betrifft. Das gilt für die Verwaltung der Apotheke genauso wie für die Verwaltung der Drogerie, für die es eine Drogistin HF braucht. Bei einem kombinierten Geschäft Apotheke und Drogerie können die Apotheker dabei als Stellvertretung für die Drogistin HF dienen (aber nicht umgekehrt).

Das Unternehmen hat den Vorteil, dass es eine Stelle besetzen kann - auch in Zeiten des Fachkräftemangels. Sie bekommen ausserdem die Stärken von zweien zum Preis von einem. Vielleicht sind die Lohnnebenkosten höher, und vielleicht muss man wegen dem erhöhten Kommunikationsaufwand und für eine ausreichende Übergabe der Aufgaben mehr Stellenprozente als einmal 100% einrechnen, trotzdem überwiegt der Nutzen. Der höhere Aufwand für Koordination und Kommunikation wird hauptsächlich durch das Führungsteam selber übernommen, das muss nicht extern gemacht werden, damit Aufgaben nicht vernachlässigt oder sinnlos doppelt gemacht werden. Die Stellvertretung, egal ob bei Krankheitsausfällen oder Ferienabwesenheiten ist so ebenfalls immer geregelt. Man hat immer einen kompetenten Vertreter als Ansprechperson und nicht nur eine Person, die E-mails weiterleitet. Auch bei Meetings können sich die beiden gegenseitig vertreten und danach für den anderen das wichtigste zusammenfassen.

Die doppelten Kompetenzen, teils ergänzend, kommen dem ganzen Geschäft zugute und helfen dem Führungsteam fundierter Entscheidungen zu treffen. Wegen der reduzierten Stundenzahl ist das Arbeiten trotzdem stressfreier und produktiver. Jobsharing bedeutet die Stelle an Personen zu geben, die einen verantwortungsvollen Job machen wollen, aber nicht Vollzeit arbeiten können oder wollen - so hält man hoch engagierte und motivierte Mitarbeiter im Unternehmen. Wenn sich ein Senior und ein Junior die Stelle teilen, nennt man das übrigens (ab einem 10 Jahre Altersunterschied) intergenerationelles Jobsharing. Der Vorteil davon liegt auf der Hand: es ist eine Hilfe für Senioren, die kürzertreten wollen, es gibt damit eine Weitergabe des Wissens (in beide Richtungen) und es fördert das gute Einvernehmen zwischen den Generationen.

Damit Zusammenarbeit im Tandem funktioniert braucht es ein gemeinsames Führungsverständnis der beiden Verwalter und der gegenseitige Respekt. Darauf sollte man schon im Auswahlgespräch achten und danach am besten zusammen einen Kurs belegen, um das zu festigen. Kommunikation miteinander ist der zweite wichtige Punkt - und das A und O.

Partner sollen über ähnliche Qualifikationen und Kompetenzen verfügen, gut planen und organisieren können und im Team gleichermassen akzeptiert werden. Man sollte sich Risiken wie Konkurrenz und Konfliktpotential bewusst sein und bewusst vorbeugen. Entgegen dem Mythos, der sich hartnäckig hält braucht es in der Führung keinen starke/n Alleinherrscher/in. Eine Doppelspitze mit sich ergänzenden Kompetenzen, die Entscheidungen gemeinsam trifft und eine klar kommunizierte Aufgabenteilung hat, kommt im Team genauso gut an. Wichtig ist, dass die Mitarbeiter wissen, an wen sie sich jeweils wenden können.

Ich arbeite selber in einer Topsharing Position. Ursprünglich aus der Not entstanden hat sich das System sehr bewährt. Dabei ging es bei uns nicht um die Teilzeitarbeit, sondern es fusionierten eine Apotheke und eine Drogerie zu einem Geschäft. Dabei ergänzen sich die beiden Sparten hervorragend. Die Drogerien in der Schweiz haben (im Gegensatz zum Rest der Welt) noch einen ziemlich sicheren Stand, mit der richtigen Ausbildung und einem Angebot im Gesundheitssystem, das über das blosse Verkaufen von "Drogerieartikeln" herausgeht. Ausserdem viel Wissen in Technik: Flecken, Reinigung und Körperpflege und Kosmetik. Damit nehmen sie der Apotheke (teilweise überschneidendes Segment) viel Arbeitszeit ab, das diese dann in die komplizierteren Fälle der Gesundheitsberatung und -Triage stecken können. Eine Ergänzung der fachlichen Qualifikationen zu Gunsten der Kunden und Patienten! Auf der Führungsebene funktioniert das ähnlich: Die Apothekenseite kümmert sich um die Abrechnung mit den Krankenkassen und die Drogerieseite um den Einkauf und Rechnungen der verschiedenen Depots. Anfangs war das auch für mich (als damals noch angestellte Apothekerin) ungewohnt. Das grösste Problem war die Aufgabenteilung: wen frage ich jetzt? Auch für die Kunden ist es ein Umdenken, wenn auf das Verlangen: holen Sie mir doch mal den Chef die Frage kommt: welchen? Oder: für was für ein Problem? Mir selber hat es dann bei der Übernahme der Verwaltung sehr geholfen. Es ist toll, Zeit für die Familie zu haben, ohne auf einen anspruchsvollen Job verzichten zu müssen. Die Verantwortung gemeinsam zu tragen macht es leichter. Das gegenseitige Feedback hilft emotional.

Es funktioniert - und es ist die Zukunft. Ich kann das nur empfehlen!


1) https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/aktuell/neue-veroeffentlichungen.assetdetail.2781039.html
2) https://www.srf.ch/news/wirtschaft/teilzeit-auf-dem-chefsessel-das-geht 

26. November 2019. Bildnachweis: © 2019 Pixabay

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